Positiven Ausbildungsmarkt nutzen, um verloren gegangene Jugendliche zu integrieren. Lokale Kooperation ist unverzichtbar und braucht den passenden Rahmen.
Ismail ist 18 Jahre alt. Er hat die Hauptschule mit Abschlusszeugnis verlassen; auf Bewerbungen bekam er dann nur Absagen. Vater und Mutter von Ismail leben getrennt und sind mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert. Mit hohen Schulden, nach Drogenkonsum, Diebstahl und schwerem Bandendiebstahl sitzt Ismail jetzt im Dauerarrest.
Ingrid, 20, hat keinen Schul- oder Ausbildungsabschluss, ist psychisch sehr instabil und von Obdachlosigkeit bedroht. Alkohol- und Gewalterfahrungen sind Teile ihres Lebens. Sie hat schon viele Hilfen bekommen, den Weg in Ausbildung und Arbeit und somit in ein selbstverantwortetes Leben wird sie nur mit intensiver, passgenauer und gut vernetzter Unterstützung finden.
„Verloren gegangene zurückgewinnen – durch gelebte Kooperation.“ Unter diesem Titel stand der sechste Fachtag der LAG Jugendsozialarbeit Bayern und der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit „Integration junger Menschen in Ausbildung und Beruf“ in Nürnberg; Ismail und Ingrid waren an diesem Tag nur zwei der zahlreichen vorgestellten Beispiele solcher Jugendlicher ohne oder mit Migrationshintergrund aus ganz Bayern: Psychische Erkrankungen, schwierige familiäre Situationen, problematisches Sozialverhalten oder Schulverweigerung sind Phänomene, die schon bei jüngeren Schülerinnen und Schülern stetig zuzunehmen scheinen.
„Trotz der guten Entwicklung auf dem bayerischen Ausbildungsmarkt darf man nicht aus dem Blick verlieren, dass es junge Menschen ohne Perspektive gibt, denen der Übergang von der Schule in das Berufsleben nicht gelingt und die bisher durch alle für sie aufgespannten Netze gefallen sind“, betonte Dr. Günther Schauenberg, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Bayern, in seiner Begrüßung. „Das Wiederauffangen dieser verloren gegangenen Jugendlichen ist nicht nur für den betroffenen jungen Menschen existenziell, sondern für uns alle ein Gewinn. Die positive Bilanz des Ausbildungsmarktes sollte daher von allen Akteuren aktiv genutzt werden, um auch leistungsschwächere Jugendliche sowie junge Menschen mit multiplen Problemlagen in Ausbildung zu bringen. Kooperation stellt hier einen wesentlichen Schlüssel dar.“
Matthias Jokisch, Vorsitzender der LAG Jugendsozialarbeit Bayern, ergänzte aus sozialethischer Sicht: „Jeder Mensch ist wertvoll und hat seine ganz eigene Würde. Damit ist es der Auftrag für uns als Gesellschaft, denjenigen, die wir verloren haben, nachzugehen, sie zu suchen und wieder zu finden. Das ist wertvoll und wichtig für jeden einzelnen, für uns alle und für die Demokratie. Dazu braucht es eine professionelle Kooperation aller, die sich an dieser Suche beteiligen können.“
„Oberstes Ziel ist, dass erst gar niemand verloren geht“, stellte Ministerialdirigent Friedrich Seitz, Amtschef im bayerischen Arbeits- und Sozialministerium, ins Zentrum seines Grußworts. „Diejenigen, die dennoch auf der Strecke geblieben sind, brauchen unsere besondere Hilfe – Hilfe auch für einen zweiten oder dritten Versuch. Arbeitsmarkt- und Jugendhilfemaßnahmen müssen hier im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes kooperativ ineinander greifen. Die soziale Herkunft eines jungen Menschen darf nicht entscheidend sein für seine berufliche und mindestens ebenso wichtige soziale Integration. Das Arbeits- und Sozialministerium setzt hier gemeinsam mit seinen Partnerorganisationen und den Kommunen einen wesentlichen Schwerpunkt seiner Arbeit.“
Christian Schüle, Autor der Zeit, stellte seine Außensicht auf die Realität des deutschen Sozial- und Fürsorgesystems und auf „Hartz IV“ dar – und er stellte Fragen: Wie kann es überhaupt sein, dass in unserem Land Menschen verloren gehen? Welchen Typus Mensch will und braucht der Staat? Können manche Jugendliche nicht arbeiten – oder wollen sie es wirklich nicht? „Viele Jugendliche wissen, wie das Spiel funktioniert und können damit geschickt umgehen“, so die Erfahrung von Schüle. „Die Tragödie jedes Einzelfalls muss in den Mittelpunkt der Hilfe gestellt werden.“ Strukturelle Probleme des Staates stehen nach seiner Erfahrung wirksamen Hilfen entgegen: Zeitnot, Unterkapazitäten, Überforderung: „Überfordert sind oft die Arbeitsvermittler selbst, nicht nur die Jugendlichen. In Folge dessen wird verwaltet, nicht gestaltet. Ständig wechselnde Ansprechpartner führen zu Verunsicherung und Demütigung der Kunden.“ Schüle regte einheitliche, rund um die Uhr besetzte Ansprechstellen und langfristige, haltbare emotionale Beziehungen zu den förderbedürftigen Jugendlichen an. „Die verloren gegangenen sind nur scheinbar Verlierer. Sie gehen vielleicht nicht den gesellschaftlich vorgebahnten Weg – doch geht es nur um Verwertbarkeit für die Arbeitswelt? Das Menschliche und Soziale am Menschen bleiben auf der Strecke, wenn nur der von Effizienzlogik geprägte Sog des Unternehmerischen im Mittelpunk steht.“ Schüle provozierte mit der Vermutung, Hartz IV sei nur „die Prämie für die Hoffnung, dass die Menschen stillhalten.“ Erziehungs- und soziale Grundkompetenzen seien aus Sicht des Autors entscheidend und fehlten den Eltern allzu oft: „Wenn Kinder nicht am Leben der Eltern lernen können – wer soll es ihnen sonst beibringen?“
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass gelebte Kooperation die passenden Rahmenbedingungen braucht. Hierzu gehören geklärte Strukturen und verlässliche und engagierte Partner, die nicht in Kategorien von Zuständigkeit, sondern von Verantwortung denken. Kooperation und die durch Kooperation ermöglichten Angebote und Maßnahmen müssen politisch gewollt und mit ausreichenden finanziellen und personellen Ressourcen ausgestattet sein. Nicht zuletzt ist Kontinuität mit Blick auf die verloren gegangenen Jugendlichen ein wesentlicher Aspekt: Kontinuität in der Zusammenarbeit untereinander ist ebenso unerlässlich wie kontinuierliche persönliche Zusammenarbeit mit jedem und jeder einzelnen Jugendlichen.
Kontakt:
LAG Jugendsozialarbeit Bayern
Geschäftsführer Klaus Umbach
089 15918775
umbach@ejsa-bayern.de










